Die Noteninflation steht auf der Tagesordnung des Landtags!

 

Die Noteninflation steht in Rheinland-Pfalz auf der Tagesordnung des Landtags! Die AfD-Fraktion hat in einer großen Anfrage vom 14.06.18 (https://www.landtag.rlp.de/landtag/drucksachen/6527-17.pdf siehe auch https://www.landtag.rlp.de/icc/Internet-DEQA/med/7d4/7d460ff9-9b36-2461-9631-5ef686d35f8f,11111111-1111-1111-1111-111111111111 ) die Argumente meiner Website aufgegriffen. An die Antwort der Regierung wird sich eine Aussprache anschließen. Auch wenn man sonst kein AfD-Anhänger ist, kann man über diese Anfrage froh sein. Es war auch nicht zu erwarten, dass das Thema von den Parteien aufgegriffen wird, die in verschiedenen Landesregierungen dafür politisch verantwortlich sind. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus! Politische Berührungsängste wären hier also fehl am Platz. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass es mit der Noteninflation und der Akademisierung der Gesellschaft so nicht weitergehen kann. Und wie so häufig wird man jetzt den gesunden Menschenverstand als Populismus verunglimpfen. Und wie so häufig werden sich die Herrschenden damit nur vom Volk entfernen, denn die Zahlen sprechen für sich!

 

Ich habe die Website Ende März 2017 freigeschaltet und nach 15 Monaten gibt es ein sichtbares Ergebnis. Seit Ende 2015 ist meine Kritik im rheinland-pfälzischen Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur bekannt. Niemand kann dort sagen, er hätte nichts gewusst. Wenn die Landesregierungen jetzt nicht schnell gegensteuern, werden sie von der AfD vor sich hergetrieben. Aus anderen Politikbereichen ist dieses Muster bekannt!

 

Wortlaut der Anfrage

 

LANDTAG RHEINLAND-PFALZ                                      17.Wahlperiode

 

Drucksache 17/6527                                                              14.06.2018

 

G  r  o  ß  e     A  n  f  r  a  g  e           der Fraktion der AfD

 

Notengebung und deren Aussagekraft

  

Nach einer Studie des Wissenschaftsrates der Bundesregierung schlossen 2011 fast 80 Prozent aller Absolventen ihr Studium mit „gut“ oder „sehr gut“ ab, 2000 waren es noch 70 Prozent gewesen. Zugleich ist das Risiko, die schlechteste Abschlussnote „ausreichend“ zu kassieren, stark gesunken: 2000 mussten noch gut 4 Prozent der Studenten diese Zensur hinnehmen, 2011 waren es nur noch 1,1 Prozent (https://www.focus.de/wissen/mensch/campus/tid-28064/noteninflation-an-deutschen-unis-zu-viele-studenten-schliessen-mit-guten-zensuren-ab_aid_857654.html). Gemäß einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Studie von Wissenschaftlern der Europa-Universität Flensburg von 2016 hat sich diese Entwicklung mindestens bis 2014 weiter fortgesetzt. Es wäre jedoch weltfremd anzunehmen, dass es 80 Prozent überdurchschnittliche, 19 Prozent durchschnittliche und nur ein Prozent unterdurchschnittliche Absolventen geben soll.

  

Nach einer im Auftrag des Bundesbildungsministeriums von Soziologen der Universitäten Bielefeld und Würzburg erstellten Studie haben 79 Prozent aller Studenten innerhalb eines Semesters mindestens einmal bei einer Prüfung betrogen, 94 Prozent der Täuschungen blieben unentdeckt (http://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-08/schummeln-studie-studium). Nicht nur die hohen Erfolgsaussichten wegen der ständig verbesserten Notengebung und die Möglichkeiten erfolgreicher Täuschungsversuche verstärken den Ansturm auf die Hochschulen. Auch die gesellschaftliche Überbewertung akademischer Abschlüsse und der verständliche Wunsch junger Menschen, mithilfe einer hohen formalen Bildung ein gutes Einkommen zu erreichen, haben zu der häufig beklagten „Akademikerschwemme“ bei gleichzeitigem Fachkräftemangel geführt.

  

Ungeachtet dessen verfolgt die Landesregierung das Ziel, „die Durchlässigkeit und Öffnung der Hochschulen für eine möglichst breite Studierendenschaft“   zu   ermöglichen,   weil   „wir   mehr   Menschen   mit   einer   akademischen   Ausbildung   benötigen“ (Plenarprotokoll vom 22. Juni 2017, Seite 2027/28). Zwischen 2006 und 2013 ist die Studienanfängerquote von 35,6 Prozent auf 58,5 Prozent eines Jahrgangs gestiegen. So gehen zwangsläufig noch mehr mittelmäßige Schulabgänger an die Hochschulen, während nicht nur im Handwerk der Nachwuchs fehlt. Der dadurch vorprogrammierte Niveauverlust hätte sich eigentlich im Notenbild widerspiegeln müssen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

  

Unter anderem auf der Netzseite www.noteninflation.de wird diese Problematik des Zusammenwirkens von Noteninflation, „Schummelkultur“ und Überakademisierung umfassend dargestellt.

  

Vor diesem Hintergrund fragen wir die Landesregierung:

 

1. Ist die Landesregierung nach wie vor der Meinung, dass „wir mehr Menschen mit einer akademischen Ausbildung benötigen, um den steigenden Fachkräftebedarf mit entsprechender Qualifizierung abdecken zu können“ (Plenarprotokoll vom 22. Juni 2017, Seite 2028 – bitte begründen)?

 

2.  Ist die Landesregierung weiterhin der Meinung, dass mit dieser Zielsetzung die berufliche Bildung gestärkt wird (bitte begründen)?

 

3.  Hält es die Landesregierung für angemessen, dass die Politik von den Hochschulen „gute“ Zahlen einfordert (z. B. niedrige Durchfall- und Abbrecherquoten) und die Hochschulfinanzierung auch von solchen Zahlen abhängig gemacht wird (bitte begründen)?

 

4.  Wie hat sich der Notendurchschnitt der Hochschulabsolventen in Rheinland-Pfalz (nach Jahren differenziert) im Zeitraum zwischen 2000 und 2017 entwickelt (bitte jährliche Zahlen nennen)?

 

5.  Hält es die Landesregierung für ein realistisches und aussagekräftiges Notenbild, wenn laut bundesweiten Studienergebnissen inzwischen ungefähr 80 Prozent aller Absolventen überdurchschnittliche, 19 Prozent durchschnittliche und nur 1 Prozent unterdurchschnittliche Leistungen erbringen und damit ein Notengefälle kaum mehr erkennbar ist (Antwort bitte begründen)?

 

6.  Sind der Landesregierung Aussagen aus Industrie und Wirtschaft bekannt, die einen tatsächlichen Anstieg von Qualifikation und Leistungsfähigkeit bei den Hochschulabsolventen bestätigen? Falls ja, bitte belegen?

 

7.  Stimmt die Landesregierung der Aussage zu, dass solche quantitativen Erfolgsmeldungen offensichtlich nur mit einer Absenkung der Prüfungsanforderungen erfüllt werden können?

 

8.  Falls Frage 7 mit Ja beantwortet wird, wie bewertet die Landesregierung diese Tatsache?

 

9.  Falls Frage 7 mit Nein beantwortet wird, worin sieht die Landesregierung die Ursachen für die im Vergleich zu früher deutlich verbesserten Studienergebnisse?

 

10.  Wie bewertet die Landesregierung den Umstand, dass Arbeitgeber aufgrund unrealistischer, zunehmend weniger aussagekräftiger Notengebungen schon seit Jahren zu immer umfassenderen eigenen Eignungsprüfungen übergegangen sind?

 

11.  Wie erklärt sich die Landesregierung die ermittelte hohe Zahl von 94 Prozent erfolgreichen Täuschungsversuchen und die Tatsache, dass nur ein sehr geringer Bruchteil dieser Versuche entdeckt wurde?

 

12.  Sieht die Landesregierung hier Handlungsbedarf, um eine größere Prüfungsgerechtigkeit herzustellen und gleichzeitig das tatsächliche Erreichen der Prüfungsanforderungen zu gewährleisten?

 

 

Für die Fraktion:

 

Dr. Jan Bollinger 

 

   

In Frage 11 hat sich ein Formulierungsfehler („doppelt gemoppelt“) eingeschlichen. Es müsste heißen:

Wie erklärt sich die Landesregierung die ermittelte hohe Zahl von 79 Prozent Täuschungsversuchen und die Tatsache, dass nur ein sehr geringer Bruchteil dieser Versuche entdeckt wurde? 

(Anmerkung: nicht 79 % in jeder Prüfung; wenn jeder Student 6 Prüfungen pro Semester ablegt und nur bei je einer Klausur gemogelt wurde – von den 21 % Ehrlichen abgesehen – würde in jeder Prüfung zu 13,3 % getäuscht)

 

ehrliche Antworten, die nicht gegeben werden

 

Bei einer Anfrage geht es der Opposition nicht wirklich um Antworten. Sie will vielmehr die Regierung in eine Situation bringen, in der sie keine überzeugende Antwort mehr geben kann. Ich will an dieser Stelle Antworten geben, die man von den Politikern natürlich nicht hören wird.   

  

1. Ist die Landesregierung nach wie vor der Meinung, dass „wir mehr Menschen mit einer akademischen Ausbildung benötigen, um den steigenden Fachkräftebedarf mit entsprechender Qualifizierung abdecken zu können“ (Plenarprotokoll vom 22. Juni 2017, Seite 2028 – bitte begründen)?

A: Die Entwicklung kann so nicht weitergehen. Das hätte man aber spätestens 2013 erkennen müssen. Weil die Landesregierung noch 2017 (als noteninflation.de im Ministerium schon bekannt war) mehr akademische Ausbildung gefordert hat, kann sie jetzt nicht das Gegenteil feststellen. Wenn die Regierung ihr Gesicht wahren will, muss sie jetzt also eine Studienangängerquote von 67 % anstreben, auch wenn dies in der Sache Unsinn ist. Damit steckt die Regierung in der Zwickmühle.

  

2.  Ist die Landesregierung weiterhin der Meinung, dass mit dieser Zielsetzung die berufliche Bildung gestärkt wird (bitte begründen)?

A: Weil für die berufliche Bildung der Bund zuständig ist, will die Landesregierung diese nicht stärken. Es geht Politikern immer nur um Macht und nicht um sinnvolle Lösungen.

  

3.  Hält es die Landesregierung für angemessen, dass die Politik von den Hochschulen „gute“ Zahlen einfordert (z. B. niedrige Durchfall- und Abbrecherquoten) und die Hochschulfinanzierung auch von solchen Zahlen abhängig gemacht wird (bitte begründen)?

A: Politiker wollen belogen werden! Ihr Motto lautet: Gute Zahlen statt gute Ergebnisse! Die Abgastests lassen grüßen.

  

4.  Wie hat sich der Notendurchschnitt der Hochschulabsolventen in Rheinland-Pfalz (nach Jahren differenziert) im Zeitraum zwischen 2000 und 2017 entwickelt (bitte jährliche Zahlen nennen)?

A: Die Zahlen können kaum vom Bundesdurchschnitt abweichen. Es ist aber interessant, dass der Wissenschaftsrat die eigentlich im November 2017 fällige Fortschreibung der Studie von 2012 (mit Zahlen für 2011-2015) ausfallen ließ. Man kann also gespannt sein.

  

5.  Hält es die Landesregierung für ein realistisches und aussagekräftiges Notenbild, wenn laut bundesweiten Studienergebnissen inzwischen ungefähr 80 Prozent aller Absolventen überdurchschnittliche, 19 Prozent durchschnittliche und nur 1 Prozent unterdurchschnittliche Leistungen erbringen und damit ein Notengefälle kaum mehr erkennbar ist (Antwort bitte begründen)?

A: Natürlich kann das Bild weder realistisch noch aussagekräftig sein. Das darf die Regierung aber nicht zugeben. Sie wird also um das Problem herumreden.  

  

6.  Sind der Landesregierung Aussagen aus Industrie und Wirtschaft bekannt, die einen tatsächlichen Anstieg von Qualifikation und Leistungsfähigkeit bei den Hochschulabsolventen bestätigen? Falls ja, bitte belegen?

A: Die Wirtschaft beklagt das Gegenteil.

  

7.  Stimmt die Landesregierung der Aussage zu, dass solche quantitativen Erfolgsmeldungen offensichtlich nur mit einer Absenkung der Prüfungsanforderungen erfüllt werden können?

A: Die Autoindustrie hat mit den manipulierten Abgastests gezeigt, wie Erfolgsmeldungen produziert werden können. Aber die Regierung kann natürlich nicht öffentlich zugeben, dass die Politik nach den gleichen Mustern handelt. Also muss sie die Frage mit „nein“ beantworten, auch wenn diese Antwort nicht plausibel begründet werden kann.

  

8.  Falls Frage 7 mit Ja beantwortet wird, wie bewertet die Landesregierung diese Tatsache?

A: Die Regierung müsste zugeben, dass sie über Jahre versagt hat. Deshalb kann hier keine ehrliche Antwort erwartet werden.  

  

9.  Falls Frage 7 mit Nein beantwortet wird, worin sieht die Landesregierung die Ursachen für die im Vergleich zu früher deutlich verbesserten Studienergebnisse?

A: Die Ursache könnte nur sein, dass die Hochschulen derart an Qualität zugelegt hätten, dass man Massen von mittelmäßigen Schülern zu Spitzenkräften weiterentwickeln konnte. Diese Antwort gehört aber eher in den Bereich der Satire.

  

10.  Wie bewertet die Landesregierung den Umstand, dass Arbeitgeber aufgrund unrealistischer, zunehmend weniger aussagekräftiger Notengebungen schon seit Jahren zu immer umfassenderen eigenen Eignungsprüfungen übergegangen sind?

A: Natürlich kann man diesen Umstand nur mit langjährigem Staatsversagen erklären, was die Regierung natürlich nicht zugeben kann. Die Antwort wird also um die Frage herumreden.

  

11. Wie erklärt sich die Landesregierung die ermittelte hohe Zahl von 79 Prozent Täuschungsversuchen und die Tatsache, dass nur ein sehr geringer Bruchteil dieser Versuche entdeckt wurde? (Formulierungsfehler wurde verbessert)

A: Die einzig plausible Erklärung ist, dass die Prüfungen den Hochschulen egal sind. Sie wissen, dass die Ergebnisse wegen der abgesenkten Anforderungen sowieso keinen Wert haben. Mogelnde Studenten erledigen dann also einen Teil der Arbeit bei der Manipulation der Ergebnisse, die sonst die Hochschule selbst frisieren müsste. Natürlich kann man diese ehrliche Antwort von keinem Politiker erwarten.

  

12.  Sieht die Landesregierung hier Handlungsbedarf, um eine größere Prüfungsgerechtigkeit herzustellen und gleichzeitig das tatsächliche Erreichen der Prüfungsanforderungen zu gewährleisten?

A: Der Handlungsbedarf ist unübersehbar; nur kurzsichtige Politiker wollen ihn nicht erkennen. Sie müssten schließlich zugeben, dass sie nicht langfristig denken, sondern höchstens bis zur nächsten Wahl.

 

 

Vorwärts- oder Rückwärts-Strategie?

 

Statt dieser Rückwärts-Strategie, könnte sich die Regierung wegen ihrer Perspektivlosigkeit auch zu einer Vorwärts-Strategie genötigt sehen. Eine Chance könnte sein, dass der Minister erst 4 Monate nach seiner Berufung der SPD beigetreten ist. Er dürfte in der Partei also über keine Hausmacht verfügen. Man kann ihn leicht zum Sündenbock machen und als Bauernopfer entlassen. Er hat die Noteninflation als Minister nicht verursacht, sondern bei seinem Amtsantritt vorgefunden. Auf meine Kritik (Funktionieren Hochschulprüfungen wie VW-Abgastests?) hat er aber nicht selbstkritisch, sondern mit Druck reagiert. Als Präsident der FH Kaiserslautern war er aber Teil des Systems, das die Hochschulen zu Fässern ohne Boden gemacht hat, die nur noch Absolventenzahlen produzieren. Mit seiner Berufung zum Minister wurde der Bock zum Gärtner gemacht.  

  

Dann müsste aber ein glaubwürdiger Nachfolger von außerhalb der Hochschul-Lobby gefunden werden, der eine Kursänderung durchsetzen könnte. Wenn auch die anderen Bundesländer diesem neuen Kurs folgen würden, könnte man der AfD vielleicht noch den Wind aus dem Segel nehmen. Dieses hohe Maß an Lernfähigkeit ist von Politikern aber nicht zu erwarten. Schon beim Thema Nr. 1 der AfD genügen 3 banale Erkenntnisse, um die Etablierten in Schwierigkeiten zu bringen: Es gibt 7,5 Mrd. Menschen auf der Welt => mehr als die Hälfte lebt in Armut => die können nicht alle zu uns kommen! Die Politiker antworten mit „Bekämpfung der Fluchtursachen“ und die Bürger erinnern sich, dass 60 Jahre Entwicklungshilfe bisher nicht viel bewirkt hat. 

  

Die geringe Lernfähigkeit der Politiker lässt sie jetzt vielleicht wieder in die Falle laufen. Sie verfangen sich im Gestrüpp vielfältiger Lobby-Interessen und die Bürger können mit bloßem Auge erkennen, dass es so nicht weitergehen kann: Wenn jeder studiert, studiert niemand. Es kann nicht 80 % überdurchschnittliche Leistungen geben! Wenn die Prüfungsanforderungen ein Witz sind und man sich zudem noch ohne großes Risiko durchs Studium mogeln kann, dann sind die 30 Mrd. € jährlich für die Hochschulen herausgeworfenes Geld! Wenn die AfD ihre Initiative gut vorbereitet hat und noch einige politische Munition in ihrer Schublade liegt, ist die Rückwärts-Strategie aussichtslos.

 

Es sei nur am Rande erwähnt, dass sich das Thema auch nationalistisch anreichern lässt. Die Noteninflation und Überakademisierung (der ehem. Kultur-Staatsminister Nidda-Rümeling - SPD - nannte sie Akademisierungswahn) nahm mit der Bologna-Reform für einen europäischen Hochschulraum von Lissabon bis Wladiwostok (im Ergebnis auf niedrigem Niveau und nach US-amerikanischem Vorbild) seinen Ausgang. Zeitnah begann die Politik vor Forderungen der OECD einzuknicken, die das deutsche System der dualen Bildung nie verstanden hatte. Hier kann man gut von einer antideutschen Weltverschwörung phantasieren, die der deutschen Wirtschaft ihrer Stärken berauben will. Aber wen will man dafür verantwortlich machen; die Verschwörungstheoretiker oder die Politiker, die zu feige sind, erkennbare Fehlentwicklungen einzuräumen und sie zu korrigieren?

 

Antwort der Landesregierung

 

Die Antwort der Landesregierung liegt inzwischen vor (siehe https://www.landtag.rlp.de/landtag/drucksachen/6887-17.pdf). Wie erwartet wurde eine Rückwärts-Strategie gewählt.


Die grobe Richtung der Antwort ist mit der Haltung von Donald Trump zum Klimawandel vergleichbar. „Die Landesregierung weist .. die Behauptung eines Zusammenwirkens zwischen ,Noteninflation‘, ,Schummelkultur‘ und ,Überakademisierung‘ … zurück.“ Dabei braucht man nur 2 + 2 zusammenzählen! Wenn die Studienanfängerquote von 35,6 % auf 58,5 % eines Jahrgangs steigt und sich der Notendurchschnitt nicht deutlich verschlechtert, dann gibt es dafür keine andere Erklärung als die Noteninflation. Auch die Landesregierung konnte keine andere Erklärung geben. Sie hat offenbar alternative Fakten, und was damit nicht übereinstimmt ist fake-news.

Zur Frage 1 [Ist die Landesregierung nach wie vor der Meinung, dass „wir mehr Menschen mit einer akademischen Ausbildung benötigen, um den steigenden Fachkräftebedarf mit entsprechender Qualifizierung abdecken zu können“ (Plenarprotokoll vom 22. Juni 2017, Seite 2028 – bitte begründen)?] vertritt die Landesregierung die Auffassung, dass mehr Menschen mit einer akademischen … Ausbildung benötigt werden. 58,5 % eines Jahrgangs sind also noch nicht genug! Wenn seit vielen Jahren 15 % eines Jahrgangs ohne Berufsabschluss bleiben, dann ist das Potential für Industrie, Handel und Handwerk nicht mehr sehr groß. Das Ziel „Keine(r) ohne Abschluss“ ist lobenswert, es ist auf diesem Weg aber kaum ein Fortschritt zu erkennen. Es gibt Ähnlichkeiten zur Migrationspolitik, wo man nach 60 Jahren Entwicklungshilfe plötzlich zu der Erkenntnis gekommen ist, dass Fluchtursachen bekämpft werden müssen – was die letzten 60 Jahre gemacht wurde wird nicht erwähnt. Die Wirtschaft wird zum Lehrlingsmangel ebenso mit Worthülsen abgespeist.

Zur Frage 2 [Ist die Landesregierung weiterhin der Meinung, dass mit dieser Zielsetzung die berufliche Bildung gestärkt wird (bitte begründen)?] vertritt die „.. Landesregierung .. die Auffassung, dass mehr Menschen mit einer akademischen, aber auch mit einer qualifizierten beruflichen Ausbildung benötigt werden, um den steigenden Fachkräftebedarf abdecken zu können.“ Sie hat nicht verstanden, dass dem dualen System wegen der Ausdehnung der akademischen Ausbildung der Nachwuchs fehlt. Akademische und berufliche Ausbildung befinden sich in einer Konkurrenzsituation; beides stärken geht nicht!  „Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Durchlässigkeit zwischen der hochschulischen und beruflichen Bildung zu erhöhen.“ Weil die Durchlässigkeit wohl kaum eine Bewegung von der Hochschule ins Handwerk auslösen dürfte, will die Landesregierung das duale System also weiter schwächen. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems ist durchaus positiv zu bewerten; dann muss aber der Strom der Schulabgänger von den Hochschulen in die Lehre umgelenkt werden. Erst danach sollten sich die Besten mit einem Studium fortbilden. Mit der Antwort der Landesregierung auf die Frage 2 wird also ein Weg beschrieben, wie die berufliche Bildung weiter geschwächt statt gestärkt wird.  

Die Antwort auf Frage 3 [Hält es die Landesregierung für angemessen, dass die Politik von den Hochschulen „gute“ Zahlen einfordert (z. B. niedrige Durchfall- und Abbrecherquoten) und die Hochschulfinanzierung auch von solchen Zahlen abhängig gemacht wird (bitte begründen)?] ist - zwischen den Zeilen gelesen - ungewöhnlich ehrlich. „Da sich Studienabbrüche negativ auf den weiteren beruflichen Werdegang eines jungen Menschen auswirken können und volkswirtschaftlichen Schaden beinhalten, ist es eine zentrale hochschulpolitische Zielsetzung der Landesregierung, den Studienerfolg zu erhöhen.“ Die deutsche Übersetzung dieses Politiker-Chinesisch lautet: Die jungen Menschen sollen mit Abschlusszeugnissen ausgestattet werden. Auf ihre Kenntnisse und Fähigkeiten kommt es nicht an. Die Logik der Abgastests bei Diesel-PKW lässt grüßen!

Zur Antwort auf Frage 4 [Wie hat sich der Notendurchschnitt der Hochschulabsolventen in Rheinland-Pfalz (nach Jahren differenziert) im Zeitraum zwischen 2000 und 2017 entwickelt (bitte jährliche Zahlen nennen)?] ist festzuhalten, dass die vom Wissenschaftsrat festgestellte Noteninflation weitergeht. Der Wissenschaftsrat hatte die eigentlich im November 2017 erwartete Fortschreibung der Studien für die Jahre 2012 bis 2016 ausfallen lassen. Interessant ist der starke Anstieg der endgültig nicht bestandenen Prüfungen. Als eine nicht bestandene Prüfung gilt aber auch, wenn eine Karteileiche auch beim dritten Versuch nicht zur Prüfung erscheint. Hier wäre eine Unterscheidung interessant, welcher Anteil der nicht bestandenen Prüfungen auf wirklich bewerteten Arbeiten beruht, und nicht auf „nicht erschienen“. Der Sonderfall, dass leere Blätter abgegeben wurden um formal einen Freiversuch unternommen zu haben, ist inzwischen irrelevant.  

Zur Antwort auf Frage 5 [Hält es die Landesregierung für ein realistisches und aussagekräftiges Notenbild, wenn laut bundesweiten Studienergebnissen inzwischen ungefähr 80 Prozent aller Absolventen überdurchschnittliche, 19 Prozent durchschnittliche und nur 1 Prozent unterdurchschnittliche Leistungen erbringen und damit ein Notengefälle kaum mehr erkennbar ist (Antwort bitte begründen)? ] ist anzumerken, dass die Zahlen für einzelne Bundesländer eher durch die Zusammensetzung der verschiedenen Studiengänge und ihrer Studentenzahlen (hier gibt es größzügige und sehr großzügige Benotungen) beeinflusst werden als durch eine zwischen den Ländern unterschiedliche Notengebungskultur. Wenn der rheinland-pfälzische Durchschnitt 2011 von „mindestens gut“ um 4 % unter dem Bundesdurchschnitt und von befriedigend um 3,6 % über dem Bundesdurchschnitt lag, dann kann daraus noch nicht auf eine strengere Benotung in RLP geschlossen werden. Wenn der Anteil bei „mindestens gut“ von 74,4 % in 2011 auf 80,6 % in 2017 gestiegen ist, dann kann man das wohl kaum als Stabilisierung bezeichnet werden. 2005 waren es noch 73,1 %. Die Noteninflation hat sich demnach deutlich beschleunigt.

 „Die Landesregierung bewertet das vom Wissenschaftsrat für das Jahr 2000 sowie für die Jahre 2005 bis 2011 ermittelte Notenbild als realistisch für den bundesweiten Durchschnitt.“ Sie ist also der Meinung, dass es trotz der stark gestiegenen Studienanfängerquote im Mittel aller Hochschulen 80 % überdurchschnittliche und nur 1 % unterdurchschnittliche Leistungen gibt! Damit unterstellt sie den Studenten eine Lernfähigkeit, die sie selbst nicht hat. Die Regierung hat aus den deutlichen Verwerfungen im Ausbildungsbereich nichts gelernt!

Die Antwort auf Frage 6 [Sind der Landesregierung Aussagen aus Industrie und Wirtschaft bekannt, die einen tatsächlichen Anstieg von Qualifikation und Leistungsfähigkeit bei den Hochschulabsolventen bestätigen? Falls ja, bitte belegen?] bestätigt die Unzufriedenheit der Wirtschaft mit den Absolventen der Bachelor-Studiengänge. Wenn die Zufriedenheit zwischen 2011 und 2014 von 63 % auf 47 % gesunken ist, dann dokumentiert das eine massive Unzufriedenheit. Es muss daran erinnert werden, dass auch diese Bachelor-Absolventen die Hochschulen zu 80 % mit den Noten „gut“ und „sehr gut“ verlassen haben. Die Wirtschaft beurteilt nur knapp die Hälfte von ihnen als „befriedigend“. Dabei ist weiter zu berücksichtigen, dass die 20 % 3-er- und 4-er-Absolventen wohl gar keine Arbeit finden und die Arbeitgeber mit ihnen gar nicht unzufrieden sein können. Das vernichtende Urteil von 53 % nicht befriedigend bezieht sich dann wohl auf Absolventen, die vast alle von den Hochschulen ein "gut" oder "sehr gut" bekommen hatten. „Vor diesem Hintergrund legt der Wissenschaftsrat auch den Arbeitgebern nahe, den erfolgreichen Übergang der Absolventinnen und Absolventen in den Beruf über geeignete Einführungs- und Einarbeitungsmaßnahmen zu befördern.“ Auch dieser Satz muss aus dem Politiker-Chinesisch in die deutsche Sprache übersetzt werden: Die Unternehmen sollen mit eigenen Ausbildungsprogrammen die Defizite der Hochschulen kompensieren! Aber warum sollten denn dann die Unternehmen ihre Ausbildung nicht lieber ganz in die eigenen Hände nehmen und auf die traditionelle Lehre und spätere berufliche Fortbildungen setzen statt Hochschulabsolventen einzustellen?  

Vor diesem Hintergrund ist die Antwort auf die Fragen 7 bis 9 [Stimmt die Landesregierung der Aussage zu, dass solche quantitativen Erfolgsmeldungen offensichtlich nur mit einer Absenkung der Prüfungsanforderungen erfüllt werden können? / Falls Frage 7 mit Ja beantwortet wird, wie bewertet die Landesregierung diese Tatsache? / Falls Frage 7 mit Nein beantwortet wird, worin sieht die Landesregierung die Ursachen für die im Vergleich zu früher deutlich verbesserten Studienergebnisse?] völlig unverständlich. Die Wirtschaft ist mit den angeblich zu 80 % guten Hochschulabsolventen zu 53 % unzufrieden, aber die Qualitätssicherung soll angeblich funktionieren. Wie denn soll dieser Widerspruch erklärt werden nicht mit einer Absenkung der Prüfungsanforderungen? Auch hier verfügt die Landesregierung (wie Donald Trump) offenbar über alternative Fakten.  

Zu Frage 10 [Wie bewertet die Landesregierung den Umstand, dass Arbeitgeber aufgrund unrealistischer, zunehmend weniger aussagekräftiger Notengebungen schon seit Jahren zu immer umfassenderen eigenen Eignungsprüfungen übergegangen sind?] will die Landesregierung die Reaktion der Unternehmen auf die Noteninflation nicht kommentieren; in der Antwort auf Frage 6 hat sie ihnen mit Hinweis auf den Wissenschaftsrat aber „geeignete Einführungs- und Einarbeitungsmaßnahmen“ empfohlen. Zwischen den Zeilen wird also eingestanden, dass die Abschlusszeugnisse keine geeigneten Auswahlkriterien darstellen. Wer kann es den Unternehmen dann noch verdenken, wenn sie Hochschulabsolventen keine Festanstellungen anbieten wollen, sondern nur noch Praktika und danach befristete Verträge? Die Landesregierung erklärt sich hier für nicht zuständig! 

Die Antwort zu Frage 11 [Wie erklärt sich die Landesregierung die ermittelte hohe Zahl von 94 Prozent erfolgreichen Täuschungsversuchen und die Tatsache, dass nur ein sehr geringer Bruchteil dieser Versuche entdeckt wurde?] erfolgt wieder nach dem gleichen Muster wie die Antwort von Donald Trump auf den Klimawandel: Die Daten werden für nicht ausreichend erklärt. Dann wären die Ergebnisse der FAIRUSE-Studie aber doch ein Alarmsignal gewesen, auf das man mit einer breiteren Untersuchung hätte reagieren müssen. Wer sagt, dass die ausgewählten 4 Universitäten das Bild überzeichnet haben. Könnten die Zustände an anderen Hochschulen nicht sogar noch schlimmer sein? Aber die Landesregierung verweist auf die Autonomie der Hochschulen und steckt den Kopf in den Sand. Auf die „ehrliche Antwort“ (siehe oben) wird verwiesen,

Nach den Antworten zu den Fragen 1 bis 11 ist die Antwort zu Frage 12 [Sieht die Landesregierung hier Handlungsbedarf, um eine größere Prüfungsgerechtigkeit herzustellen und gleichzeitig das tatsächliche Erreichen der Prüfungsanforderungen zu gewährleisten?] folgerichtig: „Die Landesregierung sieht hier keinen Handlungsbedarf.“ Jeder weitere Kommentar erübrigt sich!

 

Debatte: 20. Sept. 2018, 17.20 - 17.55 Uhr

 

Die Aussprache zur großen Anfrage der AfD findet lt. Einladung vom 14.09.18 am 20.09.18 statt. Siehe:

https://www.landtag.rlp.de/landtag/plenarprotokolle/e-65-P-17.pdf

 

Ein Gespenst geht um in Europa …

…, das Gespenst des Populismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd auf dieses Gespenst verbündet. (nach Karl Marx, Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848 - das Wort Kommunismus wurde durch Populismus ersetzt). Wenn sich Staat, Politiker oder Gerichte von den Vorstellungen der Bürger entfernen und sich die Bürger wehren, dann werden sie von den Politikern als Populisten beschimpft. Langsam nutzt sich dieser Vorwurf aber ab. Die Politiker werden die Entwicklung nur dann einfangen können, wenn sie anfangen die Bürger ernst zu nehmen. Sie müssen anfangen, mit den Bürgern zu reden statt nur auf sie einzureden.

 

Nachtrag:

 

15.08.18:

 

Auf meine Aussage, mit dem jetzigen Minister wurde der Bock zum Gärtner gemacht, hat dieser mir einem Disziplinarverfahren geantwortet. Allerdings war nicht diese Aussage (die vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist) der Gegenstand, sondern völlig abwegige Vorwürfe. Hierzu habe ich inzwischen Stellung genommen. Die erhobenen Vorwürfe und Teile meiner Antwort möchte ich kurz darstellen:

  

Mir wurde vorgeworfen, der Kanzlerin einen Vorschlag zur Reduzierung von Personalkosten gemacht zu haben.

 

Antwort:

Es gibt keine Dienstpflicht, Steuergelder zu verschwenden. Folglich ist es auch keine Dienstpflichtverletzung, Vorschläge zur Reduzierung von Personalkosten zu machen. Der von Ihnen geschilderte Sachverhalt ist als Vorschlag zu verstehen, einen Vergleich i.S.d. § 55 VwVerfG abzuschließen und damit Personalkosten zu reduzieren. Der Vollzug eines Gesetzes, hier des VwVerfG, kann für einen auf Gesetz und Recht verpflichteten Beamten keine Dienstpflichtverletzung sein. …

  

Mir wurde vorgeworfen, keinen Antrag auf Genehmigung einer Nebentätigkeit gestellt zu haben, obwohl ich keiner Nebentätigkeit nachgehe.

 

Antwort:

In dieser Sache reden alle Seiten aneinander vorbei. Ich habe immer wieder erklärt, dass ich keine Nebentätigkeiten ausübe und deshalb auch keine weiteren Angaben zu machen und insbesondere keinen Antrag zu stellen habe. Meine Mitwirkungspflicht ist damit erfüllt. Wenn die Hochschule diese Erklärung für falsch hält, trägt sie insoweit die Beweislast. …

  

Mir wurden Aussagen vorgeworfen, dass ich mich nicht an der Begehung von Straftaten beteiligen werde.

 

Antwort:

Der Obrigkeitsstaat wünscht sich Beamte, die selbst einen von den Regierenden angeordneten Massenmord ausführen würden. Nach diesen Maßstäben wäre ich nicht als Beamter geeignet! Stattdessen braucht ein demokratischer Staat Beamte, die sich der Begehung von Straftaten widersetzen und auch nicht die Augen verschließen, wenn Straftaten in vorauseilendem Gehorsam von ihren Vorgesetzten und der Ministerialbürokratie begangen werden (die Politiker haben schließlich – wenn öffentlich nachgefragt wird – nie eine Anweisung erteilt und auch die etwas gewusst). Ich verstehe mich als verfassungs- und gesetzestreuer Beamter eines demokratischen Staates, der diesen Anspruch ernst nimmt. …

  

Mir wurde vorgeworfen, dass ich mich bei einer Kollegin für ihre Fürsorge bedankt habe.

 

Antwort:

Unfreundlichkeit ist keine Dienstpflicht, wenn es auch eine Vielzahl unfreundlicher Beamter gibt. Es kann deshalb keine Dienstpflichtverletzung sein, sich bei der Prodekanin für ihre Fürsorge zu bedanken. …

 

Das Disziplinarverfahren ist völlig lächerlich und kann nur als Maßnahme zur Einschüchterung verstanden werden. Ich soll veranlasst werden, mich nicht mehr kritisch über den Minister und seine Politik zu äußern. Damit hat sich der Minister aber selbst für sein Amt disqualifiziert. Nicht nur, dass nach dem bekannten Sprichwort mit ihm der Bock zum Gärtner gemacht wurde, er missachtet auch elementare Grundsätze der politischen Kultur. Auf seine Antwort auf die große Anfrage der AfD kann man gespannt sein. Werden seine Antworten genauso lächerlich sein wie die Vorwürfe gegen mich?

 

Prof. Dr. Werner

Rechnungswesen 

an der Hochschule

 

fachliche Meinungen

Müller,  lehrt
und Controlling Mainz.

 

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